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Elektrobehandlungen bei Migräne [Pharma]
16 Jan 07

Über die Nebenwirkungen ist zum Teil noch zu wenig bekannt

Eine alte Methode zur Behandlung von Kopfschmerzen feiert ein Comeback: Elektroschocks. In Studien erproben Forscher in den USA derzeit gleich zwei Methoden zur Elektrobehandlung gegen Migräne. Bei der einen reizt ein Schrittmacher den Nackennerv Nervus Occipitalis major. Bei der anderen wird das Gehirn durch die Schädeldecke mit elektromagnetischen Wellen stimuliert.

Schon im alten Rom wurden Kopfschmerzen mit Stromschlägen von elektrischen Fischen behandelt. Scribonius Largus, der Leibarzt von Kaiser Claudius, schrieb im 1. Jh. n. Chr.: «Um lang anhaltende, unerträgliche Kopfschmerzen sofort und anhaltend zu kurieren, sollte ein lebender Zitterrochen an den Ort des Schmerzes gehalten werden, bis der Schmerz verschwindet und die Stelle taub wird.»

In der Schweiz leiden schätzungsweise rund 800 000 Menschen an Migräne. Typischerweise haben die Betroffenen nur in einer Hälfte des Kopfes Schmerzen. Viele leiden zudem unter Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit. Oft geht der Migräne eine so genannte Aura voraus, in der die Betroffenen unter Sehstörungen wie einem Flimmern oder blinden Flecken leiden.

Das Ausmass der Migräne kann stark variieren. Während manche Patienten nur ein- oder zweimal pro Jahr von einer Attacke heimgesucht werden, trifft es andere gleich mehrmals pro Woche. Bei einigen Patienten lassen sich die Schmerzen mit Medikamenten kaum bekämpfen – für diese suchen Forscher weltweit nach neuen Therapien.

Eine neue Behandlungsmethode wird derzeit am Michigan Head-Pain & Neurological Institute in Ann Arbor getestet. Dort pflanzen Forscher den Migränepatienten eine Art Herzschrittmacher oberhalb des Gesässes ein. Das Gerät ist mit zwei Elektroden verbunden, die auf beiden Seiten des Nackens zum Occipital-Nerv führen und diesen mit elektrischen Impulsen reizen. Einige Studienteilnehmer berichten, dass Häufigkeit und Intensität ihrer Attacken dadurch gemildert werden.

Warum das so ist, ist nicht vollständig geklärt. Der Occipital-Nerv läuft mit dem Gesichtsnerv namens Trigeminus zusammen, der für die pochenden Schmerzen bei der Migräne mitverantwortlich ist. Die Forscher vermuten, dass die Nackenreizung den Trigeminus hemmt und dadurch die Schmerzen dämpft. «Bei einigen Patienten funktioniert das gut, bei anderen weniger», sagt Studienleiter Joel Saper. Die endgültigen Ergebnisse der Studien liegen allerdings noch nicht vor.

Peter Sandor, Migränespezialist vom Universitätsspital Zürich, hält eine lindernde Wirkung der Occiptialis-Reizung für plausibel: «Auch am Uni-Spital behandeln wir Migräne über diesen Nerv», so der Neurologe. Allerdings injiziere man dort ein örtliches Betäubungsmittel und Kortisonpräparate in seine Umgebung.

Bei der Transkranialen Magnetstimulation (TMS), die derzeit ebenfalls in grossen Studien gegen Migräne getestet wird, verändern von aussen angelegte elektromagnetische Impulse die elektrische Aktivität im Gehirn. Eine erste Studie, in der Yousef Mohammad vom Ohio State University Medical Center 43 Patienten aufgefordert hatte, bei Auftreten einer Aura in die Notaufnahme der Klinik zu kommen, war erfolgreich. Die Patienten wurden entweder mit TMS oder nur zum Schein behandelt. Zwei Stunden nach der Therapie hatten 74 Prozent der TMS-Patienten gar keine oder nur leichte Kopfschmerzen; in der Kontrollgruppe waren es nur 45 Prozent.

Auch die Wirkung der TMS ist noch nicht abschliessend geklärt. Bisher glaubte man, Migräne würde primär durch Blutgefässe ausgelöst, die sich zusammenziehen und dann derart ausweiten, dass die Nervenenden in der Umgebung gereizt werden.

Heute, so Mohammad, vermutet man, dass die Veränderungen der Blutgefässe zweitrangig sind. Bei Patienten mit einer Aura läuft anscheinend eine Welle elektrischer Impulse durch eine Hirnregion im Hinterkopf, die auch für das Sehen verantwortlich ist. Einer intensiven Anregung der Hirnzellen folgt die Erschöpfung, der Trigeminusnerv wird gereizt, pochende Schmerzen entstehen.

Das Ziel einer TMS-Behandlung ist es, die erste Welle elektrischer Erregung zu unterbrechen und die Migräne am Fortschreiten zu hindern. Mohammad vergleicht dies mit einem Waldbrand: «Wenn sie in der Mitte einige Bäume herausschneiden, breitet sich das Feuer nicht weiter aus.»

Allerdings ist das Verfahren nur für jene 10 bis 20 Prozent der Migränepatienten geeignet, die eine Aura haben, also frühzeitig merken, dass sich eine Attacke anbahnt. Und während die Patienten früher in der Ambulanz behandelt werden mussten, weil die TMS-Maschinen sich nur schwer transportieren liessen, gibt es heute ein Gerät, das weniger als zwei Kilo wiegt. Es kann von den Patienten zu Hause angewendet werden. Doch erst wenn die Ergebnisse der derzeit laufenden Studien vorliegen, so Gary Stroy von der Herstellerfirma Neuralieve, könnte die Zulassung der Geräte bei den Gesundheitsbehörden beantragt werden.

Noch sei es zu früh, so der Zürcher Neurologe Sandor, diese Therapie und auch die Nervenreizung ausserhalb von Studien zu empfehlen: «Wir wissen gerade bei der TMS noch zu wenig über mögliche Nebenwirkungen.»

Weitere Infos finden sich hier.



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