Exkurs: Der Fall Charlie Abrahams (Epilepsie).

 

Eine Betrachtung aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie (Systemic Theory of Evolution)


Zusammenfassung


Der Sohn Charlie des US-amerikanischen Drehbuchautors und Filmregisseurs Jim Abrahams erkrankte fr√ľhzeitig an Epilepsie. Die medikament√∂se Behandlung der zurate gezogenen Neurologen schlug bei ihm jedoch nicht an. Durch Eigenrecherche fanden seine Eltern heraus, dass seit den 1920-Jahren eine alternative nichtmedikament√∂se Therapie ‚Äď die ketogene Di√§t ‚Äď existierte, auf die sie keiner der behandelnden Neurologen aufmerksam gemacht hatte, obwohl sie sehr viele Erfolge aufzuweisen hatte. Durch die Anwendung der Heilmethode konnte Charlie Abrahams vollst√§ndig geheilt werden.

Der Artikel versucht das Verhalten der behandelnden Neurologen beziehungsweise des Medizinsystems insgesamt aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie zu erklären.


Epilepsie


Epilepsie, im Deutschen auch Fallsucht oder Krampfleiden genannt, bezeichnet ein Krankheitsbild mit mindestens einem spontan auftretenden Krampfanfall, der nicht durch eine vorausgehende erkennbare Ursache (akute Entz√ľndung, Stromschlag, Vergiftung etc.) hervorgerufen wurde.

Ein Anfall wird als generalisiert bezeichnet, wenn der Verlauf und die Symptome keine Hinweise auf eine anatomisch begrenzte Lokalisation geben und keine Zeichen eines lokalen (herdförmigen) Beginns zu erkennen sind.


MRT-Aufnahme, Copyright: en:User:TheBrain/Wikipedia

Es werden die folgenden Anfallstypen unterschieden:

  • Absencen ‚Äď Anf√§lle mit kurzer Bewusstseinspause ohne Sturz, fr√ľher auch franz√∂sisch mit Petit-mal bezeichnet.

  • myoklonische Anf√§lle ‚Äď mit einzelnen oder unregelm√§√üig wiederholten Zuckungen einzelner Muskelgruppen

  • klonische Anf√§lle

  • tonische Anf√§lle

  • tonisch-klonische Anf√§lle ‚Äď der typische "gro√üe" Anfall mit Bewusstseinsverlust, Sturz, Verkrampfung und anschlie√üend rhythmischen Zuckungen beider Arme und Beine, fr√ľher auch Konvulsion oder franz√∂sisch Grand-mal genannt, geht oft mit einem Biss in die Zunge einher.

  • atonische (astatische) Anf√§lle


Lassen sich f√ľr ein Anfallsleiden keine hirnorganischen oder metabolischen Ursachen feststellen, so spricht man von genuiner, bei identifizierbaren Ursachen von symptomatischer Epilepsie.


Medikamentöse Behandlung


Zur Vorbeugung epileptischer Anfälle haben sich in erster Linie Valproinsäure, Carbamazepin und Oxcarbazepin etabliert. Carbamazepin gilt dabei als Mittel der Wahl zur Dauerbehandlung fokaler Anfälle, während Valproinsäure bei der Dauerbehandlung primär generalisierter Anfälle bevorzugt wird. Weitere Antiepileptika sind: Phenytoin, Phenobarbital, Primidon, Lamotrigin, Topiramat, Levetiracetam und Sultiam.

Ihre Effekte erzielen die Wirkstoffe √ľber eine Erh√∂hung der Reizschwelle durch Hemmung von Natrium-Ionenkan√§len (zum Beispiel Valproins√§ure, Carbamazepin, Oxcarbazepin und Phenytoin) oder durch eine Aktivierung von GABA-Rezeptoren (zum Beispiel Phenobarbital und Primidon) im Zentralnervensystem.


Ketogene Diät


Ausgehend von der seit Jahrhunderten bekannten Erfahrung, dass Fasten bei Epileptikern sehr h√§ufig eine vor√ľbergehende Anfallsfreiheit bewirken kann, wurde seit 1921 in der Epilepsiebehandlung mit einer Di√§t laboriert, die mit einem sehr hohen Fett- und einem geringen Kohlenhydrat- und Eiwei√üanteil zur Erzeugung einer anhaltenden Stoffwechsellage mit √ľberwiegender Fettverbrennung und Bildung von Ketok√∂rpern (Ketose) den biochemischen Effekt des Fastens imitiert. Diese sogenannte Ketogene Di√§t erwies sich bei Epilepsiepatienten tats√§chlich als effektiv. Ihr genauer Wirkmechanismus ist bis heute nicht gekl√§rt. Allerdings spricht einiges daf√ľr, dass die Aktivierung der Ketolysef√§higkeit (Keto-Adaption) des Gehirns in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle spielen k√∂nnte.

In zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass etwa ein Drittel der behandelten Patienten durch die Di√§t anfallsfrei wird und ein weiteres Drittel eine deutliche Reduzierung der Anf√§lle um mindestens die H√§lfte erf√§hrt. Sie ist aus praktischen Gr√ľnden besonders gut f√ľr Kinder von 1‚Äď10 Jahren geeignet, sie wirkt aber auch bei Jugendlichen und Erwachsenen. Am besten scheinen myoklonische und atonische Anf√§lle, weniger gut generalisierte tonisch-klonische und fokale Anf√§lle und am schlechtesten Absencen anzusprechen.

Die Di√§t soll normalerweise zwei Jahre lang durchgef√ľhrt werden. Bei einem Teil der Patienten h√§lt der erzielte Effekt √ľber die Beendigung der Behandlung hinaus an. Als Nebenwirkungen k√∂nnen zu Behandlungsbeginn Erbrechen, Durchfall, Verstopfung und Di√§tverweigerung auftreten. Insbesondere bei zus√§tzlichen akuten Erkrankungen kann sich eine √úbers√§uerung des K√∂rpers einstellen. Au√üerdem besteht ein erh√∂htes Risiko f√ľr die Bildung von Nierensteinen. H√§ufig kann auch eine teilweise massive Erh√∂hung der Blutfettwerte beobachtet werden. Insgesamt ist das Nebenwirkungsprofil jedoch g√ľnstiger als bei einer intensiven medikament√∂sen Therapie.

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Gem√§√ü einer Langzeitstudie des Johns Hopkins Children's Center f√ľhrt eine langfristige ketogene Ern√§hrung zu keinen negativen gesundheitlichen Nebenwirkungen wie Herz-, Kreislauf-, Leber- oder Nierenproblemen ("Despite its temporary side effects, we have always suspected that the ketogenic diet is relatively safe long term, and we now have proof." In: High-Fat Ketogenic Diet to Control Seizures Is Safe Over Long Term, Study Suggests. In: SienceDaily.com. Johns Hopkins Medical Institutions, 17. Februar 2010, sciencedaily.com). Besonders bei schwer verlaufenden Epilepsien stellt die ketogene Di√§t eine wirksame Behandlungsalternative dar.


Charlie Abrahams


Charlie Abrahams ist der Sohn des US-amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Jim Abrahams. In seiner Kindheit erkrankte er sehr schwer an Epilepsie. Nachdem ihm an diversen amerikanischen Kliniken nicht geholfen werden konnte, erfolgte auf Initiative seiner Eltern eine am John Hopkins Hospital in Baltimore durchgef√ľhrte Behandlung seiner Erkrankung mit der ketogonen Di√§t, die ihn vollst√§ndig heilte.

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Der Fall war ma√ügeblicher Ausl√∂ser f√ľr eine Reetablierung der ketogenen Di√§t innerhalb der Schulmedizin als weitere Behandlungsmethode bei schweren Epilepsien. Dazu trug wesentlich die von Jim Abrahams und seiner Ehefrau Nancy gegr√ľndete The CharlieFoundation zur F√∂rderung der ketogenen Di√§t als medizinische Behandlungsmethode bei Epilepsie bei.

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...First Do No Harm


Jim Abrahams verarbeitete seine Erfahrungen bei der Behandlung der Epilepsieerkrankung seines Sohnes Charlie in dem von ihm im Jahr 1997 produzierten und geleiteten TV-Drama ...First Do No Harm (Deutsch: Solange es noch Hoffnung gibt) mit Meryl Streep und Fred Ward in den Hauptrollen. Der Film hatte ma√ügeblichen Anteil daran, dass die alternative Therapieform wieder ins Licht der √Ėffentlichkeit r√ľckte und sich auch innerhalb der Schulmedizin etablierten konnte.

Der Film f√§llt durch eine ausgesprochen harsche Kritik am Verhalten der konsultierten √Ąrzte und der Medizinindustrie insgesamt auf. Unter anderem zeigt er auf, wie die behandelnden Neurologen die betroffenen Eltern aktiv an einer Anwendung der ketogenen Di√§t zu hindern versuchen.

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Charakteristisch f√ľr die ge√§u√üerte Kritik ist das abschlie√üende Res√ľmee von Filmmutter Lori Reimuller (Meryl Streep):
    Dave I keep remembering the questions you asked about the doctors censoring information and robbing us even our hope. And I keep wondering, what could have gone so horribly wrong with this whole medical system. We gave them our son, we gave them our trust. (...) And instead of giving us the simplest information, they abused Robbie and they almost destroyed a son. (...) And I wonder If they have any idea of the pain they cost. And I wonder if someday I'm gonna be able to find in my heart a way to get passed the anger and feel forgiveness. I don't know Dave. I don‚Äėt know.

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Erkl√§rung f√ľr das Verhalten der √Ąrzte


Das im Film dargestellte Verhalten der beteiligten Neurologen wirkt auf den ersten Blick skandalös, denn sie scheinen nicht wirklich daran interessiert zu sein, dem Patienten die beste und sanfteste Therapie zur Behandlung seiner Erkrankung zukommen zu lassen. Es stellt sich unmittelbar die Frage nach den Motiven ihres Verhaltens.

Fehlendes Interesse seitens der Pharmakonzerne

In einer NBC-Fernsehsendung vom 22.03.1996, an der auch das Ehepaar Abrahams teilnahm, wurde als wesentlicher Grund f√ľr die systematische Ignorierung der ketogenen Di√§t durch die behandelnden Fach√§rzte das fehlende Interesse der Pharmaindustrie genannt, die mit solchen Behandlungsmethoden nicht genug Geld verdienen k√∂nnten (Mitschrift einer NBC-Fernsehsendung vom 22.03.1996, an der das Ehepaar Abrahams teilnahm. http://www.watercure2.org/epilepsy.htm):
    LARSON: Dr. Freeman tells us that 50 to 70 percent of the patients that come through his doors and get put on the diet have success. Can you think of any drugs in these hard cases that have 50 to 70 percent success rates?
    DOCTOR: Probably not anything that comes up to that level.
    LARSON: So why are modern doctors ignoring this diet? Charlie's own doctor has a surprising answer.
    DOCTOR: There's no big drug company behind the ketogenic diet, and there probably can never be unless somebody starts marketing sausage and eggs with cream sauce on it as a drug.
    LARSON: You're saying that in a sense, one of the reasons that the ketogenic diet is not popular at this point is because there's not a big drug company behind it, selling it to the doctors.
    DOCTOR: I think that's probably true. I hate to say that, but I think that's probably true.

Mit anderen Worten: Schuld sind nicht die √Ąrzte, sondern in erster Linie die Pharmaindustrie.

Ich pers√∂nlich halte den genannten Grund f√ľr wenig √ľberzeugend, weil er nicht ausreichend genug erkl√§ren kann, weshalb sich die behandelnden √Ąrzte auf solch einheitliche Weise verhalten haben. √Ąrzte m√∂gen zwar viele Vorteile aus der engen Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie ziehen, vollst√§ndig abh√§ngig sind sie von ihr jedoch nicht. Es d√ľrften also noch weitere Gr√ľnde f√ľr das Ph√§nomen bestehen, die prim√§r bei den Medizinern selbst zu suchen sind. In der folgenden Analyse auf der Grundlage der Systemischen Evolutionstheorie wird versucht, diese herauszuarbeiten.

Erklärung mittels der Systemischen Evolutionstheorie

Bei der Systemischen Evolutionstheorie (Mersch, Peter (2008): Evolution, Zivilisation und Verschwendung: √úber den Ursprung von Allem. Norderstedt: Books on Demand; Mersch, Peter (2010): Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation, In: Gilgenmann, K./Mersch, P./Treml, A. K. (Hrsg.): Kulturelle Vererbung: Erziehung und Bildung in evolutionstheoretischer Sicht, Norderstedt: Books on Demand, S. 47-90; Mersch, Peter (2011): Ich beginne zu glauben, dass es wieder Krieg geben wird. Was die Systemische Evolutionstheorie √ľber unsere Zukunft verr√§t. Norderstedt: Books on Demand; Mersch, Peter (2012): Systemische Evolutionstheorie. Eine systemtheoretische Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie. Norderstedt: Books on Demand) handelt es sich um ein Modell zur Beschreibung der biologischen und soziokulturellen Evolution auf der Basis einheitlicher Evolutionsprinzipien. Ihr Grundgedanke ist in etwa:

Der lebende Teil der Welt besteht aus lauter Evolutionsakteuren, die alle mehr oder weniger stark bestrebt sind, ihre Kompetenzen gegen√ľber ihrem Lebensraum zu bewahren, und zwar w√§hrend ihres eigenen Lebens und gegebenenfalls √ľber ihr Leben hinaus. Dazu ben√∂tigen sie fortw√§hrend Ressourcen aus ihrer Umgebung, die mittels unterschiedlicher Wettbewerbskommunikationen (Recht des St√§rkeren; Recht des Besitzenden) unter den Evolutionsakteuren verteilt werden. Aufgrund des Wettbewerbs um die Ressourcen werden die Akteure zu Feinden, Konkurrenten oder Partnern. Eventuell weiten sie ihre aktuelle Nische aus oder besetzen neue Nischen. Ist die Kooperation einiger Akteure besonders intensiv, kann sich eine neue Systemebene an Evolutionsakteuren ‚Äď per Selbstorganisation ‚Äď bilden, f√ľr die nun wieder das Gleiche gilt. Der unterschiedliche Erfolg der Evolutionsakteure bei der Reproduktion ihrer Kompetenzen bewirkt schlie√ülich Evolution.

Evolution findet gemäß der Systemischen Evolutionstheorie in Evolutionsräumen (Lebensräumen, Nischen) statt. Triebfeder der Evolution ist das Streben der Evolutionsakteure (Individuen) nach Kompetenzerhalt. Eine ausgesprochen effiziente Methode zur Sicherstellung des Erhalts der individuellen Kompetenzen kann die Nischenkonstruktion (Odling-Smee, F. J./Laland, K. N./Feldman, M. W. (2003): Niche Construction: The Neglected Process in Evolution. In: Levin, S. A./Horn H. S. (Hrsg.): Monographs in Population Biology, vol. 37. Princeton, NJ: Princeton University Press) sein, weil sie den Wettbewerb um die lebensnotwendigen Ressourcen beträchtlich abzumildern in der Lage ist.

Viele evolutorische Systeme (auch biologische) tendieren im Laufe der Evolution zu Gr√∂√üen- und Komplexit√§tszuwachs (Lavers, Chris (2003): Warum haben Elefanten so gro√üe Ohren? Dem genialen Bauplan der Tiere auf der Spur, Bergisch Gladbach: Bastei L√ľbbe; Bresch, Carsten (2010): Evolution. Was bleibt von Gott? Stuttgart: Schattauer; vergleiche dazu auch den Abschnitt "Wachstum" in Mersch, Peter (2008): Evolution, Zivilisation und Verschwendung: √úber den Ursprung von Allem. Norderstedt: Books on Demand, S. 125ff.). Zunehmende Gr√∂√üe d√ľrfte dann aber in der Regel eine st√§rkere Ausdifferenzierung des Systems zur Folge haben. Bei einer Zunahme der Zahl an Elementen steigt n√§mlich der systemische Koordinierungsaufwand. Durch eine Gliederung des Gesamtsystems in Subsysteme mit dedizierten Aufgaben kann die Gesamtkomplexit√§t des Systems entscheidend reduziert werden, da nun f√ľr die einzelnen Subsysteme selbst gro√üe Teile des Gesamtsystems zur Au√üenwelt geh√∂ren. Mit anderen Worten: Eine zunehmende Ausdifferenzierung des Systems reduziert die Systemkomplexit√§t.

Im Rahmen des Rechts des Besitzenden (Gefallen-wollen-Kommunikation [Mersch, Peter (2010): Systemische Evolutionstheorie und Gefallen-wollen-Kommunikation, In: Gilgenmann, K./Mersch, P./Treml, A. K. (Hrsg.): Kulturelle Vererbung: Erziehung und Bildung in evolutionstheoretischer Sicht, Norderstedt: Books on Demand, S. 47-90]) hat die Ausdifferenzierung meist auch eine Eingrenzung des Kontextes (das hei√üt, des Sinnzusammenhangs gem√§√ü Luhmann [Vergleiche Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme: Grundri√ü einer allgemeinen Theorie. Frankfurt: Suhrkamp]) bez√ľglich der √Ąu√üerung von Selektionsinteressen zur Folge.

Auf der anderen Seite geht die Ausdifferenzierung mit einer verst√§rkten Arbeitsteilung einher, in deren Rahmen es gem√§√ü Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile und aufgrund von Ver√§nderungen in der Arbeitsorganisation [In seinem Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" rechnete Adam Smith vor, dass ein Nagelmacher, der alles selbst ausf√ľhrt, pro Tag h√∂chstens ein paar hundert N√§gel herstellen kann, w√§hrend er in einer Nagelfabrik, in der die Arbeiten gem√§√ü dem Prinzip der Arbeitsteilung in kleine Einzelschritte zerlegt sind, umgerechnet mehr als 4.800 N√§gel pro Tag produzieren kann (vgl. Sennett, Richard (2006): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: BvT Berliner Taschenbuch Verlag, S. 44).] zu einer weiteren Effizienzsteigerung des Gesamtsystems kommen kann. Auch hierbei handelt es sich letztlich um einen Beitrag zum Erhalt oder gar zur Verbesserung von Kompetenzen.

Und schlie√ülich erzeugt der Wettbewerb auf Basis des Rechts des Besitzenden aus sich heraus st√§ndig neue Produkte, Dienstleistungen und damit auch Bed√ľrfnisse auf der Abnehmerseite, wodurch sich M√§rkte und Gesellschaften weiter ausdifferenzieren (Vergleiche dazu das Kapitel "Verschwendung" in Mersch, Peter (2008): Evolution, Zivilisation und Verschwendung: √úber den Ursprung von Allem. Norderstedt: Books on Demand, S. 379ff.). Auch ein Gro√üteil der Artenvielfalt in der Natur d√ľrfte auf die Wirkungen der sexuellen Selektion beziehungsweise des nat√ľrlichen Rechts des Besitzenden zur√ľckzuf√ľhren sein (Miller, Geoffrey F. (2001): Die sexuelle Evolution: Partnerwahl und die Entstehung des Geistes. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, S. 150ff.). Anders gesagt: Das Recht des Besitzenden differenziert Systeme aus. Dabei entstehen auf nat√ľrliche Weise neue Nischen.

Innerhalb der Medizin stellt jede Fachdisziplin eine eigene Nische dar, in der lebensnotwendige Ressourcen erlangt werden k√∂nnen. Wesentlich ist zun√§chst die Zuordnung von Krankheiten zu den verschiedenen Fachdisziplinen (Nischen), denn sie stellen die eigentliche Quelle f√ľr die Ressourcen (Geld) dar. Wird Epilepsie beispielsweise als neurologische Erkrankung verstanden, dann geh√∂rt sie zur medizinischen Fachdisziplin Neurologie. Sie ist dann Bestandteil der Nische, und es k√∂nnen entsprechende Kompetenzen aufgebaut und reproduziert werden, mit deren Hilfe Ressourcen (das Geld der Patienten) erlangt werden k√∂nnen. Damit einhergehen d√ľrfte dann allerdings auch ein Bestreben, nur der jeweiligen Fachdisziplin eindeutig zurechenbare Heilverfahren als abgesicherte (wissenschaftlich unterf√ľtterte, empirisch nachgewiesen wirksame) Therapien zu den zur Fachdisziplin "geh√∂renden" Erkrankungen zu benennen. Hierdurch kann sichergestellt werden, dass die Krankheit auch in Zukunft in der jeweiligen Fachdisziplin-Nische verbleibt, und die eigenen Lebensraumkompetenzen zur Erlangung von Ressourcen bewahrt werden k√∂nnen.

Wie dies in der Praxis vonstattengeht, kann anhand der Therapiegeschichte der Schwesterkrankheit Migr√§ne (Mersch, Peter (2006): Migr√§ne. Heilung ist m√∂glich, Norderstedt: Books on Demand) verdeutlicht werden: Bereits in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde beobachtet, dass Migr√§ne h√§ufig mit bestimmten Stoffwechselauff√§lligkeiten (insbesondere Hypoglyk√§mie) einhergeht. Andere Mediziner und Psychologen versuchten dagegen, das Leiden als psychosomatische Erkrankung zu etablieren. Dies gelang √ľber l√§ngere Zeit auch tats√§chlich, da Migr√§ne mehrheitlich Frauen bef√§llt, denen man gerne eine gewisse psychische Labilit√§t unterstellte.

Die Situation √§nderte sich schlagartig mit dem Aufkommen der Triptane, einer Klasse an Schmerzmitteln (Medikamenten zur Akutbehandlung der Migr√§ne), deren Wirksamkeit bei Migr√§neanf√§llen bis heute unerreicht ist. Damit einher ging ein verbessertes Verst√§ndnis √ľber die neurologischen Vorg√§nge bei Migr√§neattacken. In der Folge setzte sich das Verst√§ndnis durch, dass es sich bei Migr√§ne keineswegs um eine psychosomatische, sondern um eine neurologische Erkrankung handelt. Der Prozess √§hnelte also dem bei der Epilepsie: Das Aufkommen leistungsf√§higer Medikamente bewirkte eine Umorientierung der Medizin: Die Krankheit wurde in der Folge der Fachdisziplin zugeordnet, die die leistungsf√§higsten Medikamente bereitstellte, in diesem Falle der Neurologie.

Es waren nun also Neurologen, von denen die wirksamste und schnellste Hilfe (Medikamente) bei Migr√§ne und Epilepsie zu erwarten war. Sie etablierten sich hierdurch als Experten (Kompetenztr√§ger) f√ľr Migr√§ne und Epilepsie, oder in den Worten der Systemischen Evolutionstheorie: Neurologen besa√üen bez√ľglich der Behandlung von Migr√§ne und Epilepsie nun die h√∂chsten Kompetenzen. Dementsprechend sprach es sich auch schon bald unter den Patienten herum: Wer unter Migr√§ne oder Epilepsie litt, sollte idealerweise einen Neurologen aufsuchen, denn seine Erkrankung war neurologischer Art. In Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie und weiteren Zulieferern entstand auf diese Weise innerhalb der Fachdisziplin (Nische) Neurologie ein Milliardenmarkt. F√ľr die in der Nische agierenden Akteure (Mediziner, Pharmakonzerne etc.) wurde es nun immer wichtiger, die Krankheit in ihrer Fachdisziplin zu halten, denn auf ihr beruhten ihre Kompetenzen. Sie war die Grundlage zur Erlangung von Ressourcen innerhalb ihrer Nische, die sie zur Reproduktion ihrer eigenen Kompetenzen (und gegebenenfalls zur Sicherung des Selbsterhalts, Gewinnung von Prestige und Verbesserung des Paarungserfolgs) ben√∂tigten.

Unter solchen Umst√§nden konnte es nicht mehr im Interesse der Neurologie sein, Heilmethoden zu unterst√ľtzen, die vom Kern her in einer √Ąnderung des Lebenswandels bestehen (zum Beispiel ketogene Di√§t bei Epilepsie, LowCarb bei Migr√§ne), denn damit w√ľrden sie ihren Hoheitsanspruch in Bezug auf die Erkrankung selbst infrage stellen und sie gegebenenfalls wieder aus ihrer Fachdisziplin (Nische) dr√§ngen.

Bei Migräne behauptet die Neurologie sogar in zunehmendem Maße, es handele sich bei ihr um eine genetisch bedingte neurologische Erkrankung. Das Leiden sei folglich nicht heilbar, sondern nur fortwährend behandelbar, und zwar mit den Mitteln der Neurologie. Dies ermöglicht den Akteuren eine optimale Bewahrung ihrer eigenen Kompetenzen: Der Patient muss gewissermaßen lebenslänglich einen Neurologen aufsuchen, um lebensfähig zu bleiben. An echten Heilmethoden kann die Disziplin unter den gegebenen Verhältnissen nicht wirklich interessiert sein.

Hierdurch k√∂nnen sich sogar regelrecht groteske Behandlungsempfehlungen und Sachbehauptungen etablieren. Beispielsweise wei√ü die Medizin seit geraumer Zeit, dass Epilepsie und Migr√§ne verwandte Krankheiten (Mumenthaler, Marco (2002): Epilepsie und Migr√§ne, Schweiz Med Forum, Nr. 7, 13.02.2002, http://www.medicalforum.ch/) sind. Bei vielen der leistungsst√§rksten Migr√§neprophylaktika handelt es sich in Wirklichkeit um Antiepileptika, deren Wirksamkeit auch bei Migr√§ne nachgewiesen werden konnte (Valproins√§ure, Topiramat, ...). Doch w√§hrend es bei Epilepsie mittlerweile unbestritten ist, dass kohlenhydratarme, ketogene Di√§ten hochwirksam sein k√∂nnen (eine positive Wirkung konnte zum Beispiel auch f√ľr die Atkins-Di√§t nachgewiesen werden [Janssen-Cilag.de, 15.04.2008: Fett sch√ľtzt vor epileptischen Anf√§llen, http://www.janssen-cilag.de]), behaupten prominente Migr√§ne√§rzte weiterhin, Migr√§nepatienten sollten sich vor allem kohlenhydratreich ern√§hren [G√∂bel, Hartmut (2011): Wie unterscheidet sich Migr√§ne von Kopfschmerzen? NDR Fernsehen, 11.11.2011, ndr.de], zumal gem√§√ü ihrem Forschungsstand sogar der Konsum von Zucker rehabilitiert sei, vor dem in Migr√§neforen h√§ufig gewarnt werde, "schlie√ülich verwandelt das Gehirn ausschlie√ülich Kohlenhydrate in Energie um" [Stern: Essen ist die beste Di√§t ‚Äď Blo√ü nichts auslassen: Migr√§niker sollten auf regelm√§√üige Mahlzeiten achten, wenn sie Attacken vorbeugen wollen, http://www.stern.de/]. Sie behaupten also Sachverhalte, die gem√§√ü der medizinischen biochemischen Fachliteratur schlicht und ergreifend falsch sind [L√∂ffler, Georg/Petrides, Petro E. (Hrsg.) (2003): Biochemie und Pathobiochemie, 7. Auflage, Heidelberg: Springer Medizin-Verlag, S. 1054ff.; Lochs, Herbert (2003): Hungerstoffwechsel, http://www.dgem.de/]. In der √Ėffentlichkeit werden dann gar widerspr√ľchliche Aussagen zu elementarsten medizinischen Sachverhalten verbreitet, siehe etwa [G√∂bel, Hartmut (2011): Wie unterscheidet sich Migr√§ne von Kopfschmerzen? NDR Fernsehen, 11.11.2011, ndr.de Hartmut G√∂bel: "Als Energietr√§ger k√∂nnen Nervenzellen nur Kohlenhydrate verwenden, Fett und Eiwei√ü sind als Energiesubstrat f√ľr Nervenzellen ohne Nutzen."] und [Paul, Friedemann (2013): Wie ketogene Ern√§hrung helfen kann NDR Fernsehen, 24.09.2013, ndr.de Friedemann Paul: "Da das Gehirn seinen Energiebedarf bei einem ausreichenden Angebot an Kohlenhydraten √ľber ihre Verwertung deckt, entstehen viele freie Radikale, die die Nervenzellen sch√§digen. Mit der Umstellung auf eine fettreiche Ern√§hrung verwerten auch Nervenzellen die Ketonk√∂rper zur Energiegewinnung. Aus ihrer Verstoffwechslung resultieren viel weniger freie Radikale."]

√Ąhnliche Entwicklungen sind auch in ganz anderen Branchen zu beobachten. Beispielsweise versuchen viele Softwarehersteller Produkte oder Produktinnovationen auf den Markt zu bringen, die eigene, propriet√§re Standards (Schnittstellen etc.) besitzen. Dies dient der Nischenbildung, die durchaus auch im Interesse der mit dem Produkt betrauten IT-Experten sein kann. Denn auf diese Weise bauen sie in der neuen Nische einzigartige Kompetenzen auf, die sie regelm√§√üig reproduzieren (Weiterbildung, verbesserte Produkte, erweiterte Funktionalit√§ten). In ihren Unternehmen sprechen die Experten dann Empfehlungen f√ľr exakt ihr Produkt aus, w√§hrend sie alternative nichtpropriet√§re L√∂sungen (zum Beispiel aus dem Open Source-Bereich) als minderwertig zur√ľckweisen. So hei√üt es dann, diese seien wenig professionell, verf√ľgten √ľber keinen ordentlichen Support oder bes√§√üen verringerte Funktionalit√§ten etc., und zwar meist ohne jede ernsthafte Pr√ľfung der eigenen Aussagen. Dabei ist es h√§ufig gerade die erh√∂hte Funktionalit√§t des favorisierten Produktes, die ein Problem darstellt, da sie zur Nischenbildung f√ľhrt. In der Folge geht es den Akteuren (IT-Experten, IT-Herstellern) insbesondere um die Bewahrung ihrer Kompetenzen, die an die Nische gebunden sind. W√ľrde die Nische fortfallen, w√§re auch ein Gro√üteil der eigenen einzigartigen Kompetenzen verloren. Nischenbildung kann ein √§u√üerst leistungsf√§higes Mittel zur Kompetenzbildung und Kompetenzbewahrung und damit zur Absicherung des Selbsterhalts sein.

Aus Sicht der Systemischen Evolutionstheorie ergibt sich insgesamt das folgende Bild:

  • Umwelt

    √Ąrzte bieten ihre medizinischen Dienstleistungen auf dem Gesundheitsmarkt an, wo sie auf Konkurrenten (andere √Ąrzte), aber auch auf potenzielle Kunden (Erkrankte) treffen.

    Der Gesundheitsmarkt stellt den Lebensraum (die Umwelt) der √Ąrzte (Individuen) dar. Mit ihren Kompetenzen (Dienstleistungen) sind sie mehr oder weniger gut an dessen Anforderungen angepasst.

  • Population

    Evolutionstheoretisch gesprochen k√∂nnte man sagen: Die Population besteht aus einer Menge sich unterscheidender Individuen, n√§mlich den verschiedenen √Ąrzten. Durch Nischenbildung k√∂nnen sich jedoch auch Teilpopulationen ausbilden, die einer bestimmten Fachdisziplin (zum Beispiel Neurologie) entsprechen. In der Folge sind die verschiedenen Teilpopulationen darauf bedacht, sich gegenseitig abzugrenzen, und das Wesen ihrer Nische zu bewahren.

  • Ressourcen

    √Ąrzte sind selbstreproduktive Systeme: Sie sind bestrebt, ihre Kompetenzen (und damit sich selbst) permanent zu erhalten.

    Zur Finanzierung des Kompetenzerhalts werden fortw√§hrend Ressourcen ben√∂tigt (meist Geld). Die Ressourcen, um die die verschiedenen Individuen (√Ąrzte) der Population (Mediziner) in ihrem Lebensraum (Gesundheitsmarkt) konkurrieren, ist das Geld der Kunden (Erkrankten).

  • Wettbewerbskommunikation

    Auf den M√§rkten herrscht die Wettbewerbskommunikation des Rechts des Besitzenden vor: Die Anbieter (√Ąrzte) bieten ihre Dienstleistungen (Therapien etc.) an, und die Abnehmer (Erkrankte) treffen ihre Wahl, ganz so, wie in der Natur die Partnerwahl im Rahmen der sexuellen Selektion vonstattengeht (dem Modell aller sp√§teren M√§rkte).

  • Variation

    Der Gesundheitsmarkt hat Verfahren zum Markteintritt neuer Individuen (√Ąrzte) implementiert. Dazu geh√∂ren einerseits die Arztausbildungen, andererseits auch leistungsf√§hige Finanzierungsm√∂glichkeiten bei der Gr√ľndung neuer Praxen. Da immer wieder einzelne √Ąrzte aus Alterungs- oder sonstigen Gr√ľnden aus dem Marktgeschehen ausscheiden, sollte der Reproduktionsprozess also √ľber variationserneuernde Komponenten verf√ľgen.

  • Kompetenzen

    Auf dem Gesundheitsmarkt (Umwelt) versuchen die Mediziner Ressourcen (Geld) zu erlangen, indem sie ihre Kompetenzen zur Geltung bringen, das hei√üt ihre medizinischen Dienstleistungen anbieten. Die Kompetenzen der Individuen (√Ąrzte) in Bezug auf den Lebensraum (Gesundheitsmarkt) sind also in erster Linie ihre medizinischen Dienstleistungen und Kenntnisse in Bezug auf bestimmte Erkrankungen.

    Wer etwa einen Neurologen aufsucht, entscheidet sich f√ľr die medizinischen Kompetenzen eines Neurologen, zum Beispiel in Bezug auf Migr√§ne oder Epilepsie.

  • Reproduktionsinteresse

    Die verschiedenen anbietenden Mediziner werden normalerweise versuchen, einen möglichst hohen Marktanteil zu erzielen, das heißt, möglichst oft von den Kunden konsultiert zu werden (möglichst viel Geld zu verdienen).

    Bei jeder Behandlung oder Konsultation erzielt der Arzt Einnahmen, das hei√üt, er gewinnt Ressourcen (Geld). Wer seine medizinischen Dienstleistungen h√§ufiger gewinnbringend verkaufen kann, erlangt folglich mehr Ressourcen (Geld). Wenn die Einnahmen pro Konsultation/Behandlung gr√∂√üer sind als die daf√ľr get√§tigten Ausgaben, macht der Arzt bei jeder Konsultation Gewinn. Die Gewinne k√∂nnen aufsummiert und f√ľr verschiedene andere Aufgaben verwendet werden.

    Hat ein Arzt ein ernsthaftes Reproduktionsinteresse, wird es einen mehr oder weniger gro√üen Teil des Gewinns in die Erneuerung seiner Kompetenzen (Weiterbildung, neue Behandlungsmethoden, Untersuchungsger√§te, Praxisausstattung etc.) stecken. √Ąhnlich wie bei Lebewesen wird ihm das auf Dauer aber nur gelingen, wenn es einen entsprechend gro√üen √úberschuss (Reproduktionspotenzial) erwirtschaftet, aus dem die Reproduktion finanziert werden kann.

  • Reproduktion

    Da auf dem Gesundheitsmarkt Konkurrenz vorherrscht und es Weiterentwicklung gibt, entwerten sich die √§rztlichen Kompetenzen mit der Zeit. Anders gesagt: Sie veralten und damit die eigene Praxis auch. √Ąrzte m√ľssen also ihre Kompetenzen regelm√§√üig erneuern (reproduzieren). Dazu dient in erster Linie die Weiterbildung. Allerdings m√ľsste der Arzt auch regelm√§√üig seine Praxis erneuern und an die Markterfordernisse anpassen, sich also gleichfalls strukturell reproduzieren. Zur Reproduktion z√§hlen auch alle anderen Investitionen, die dem Kompetenzerhalt dienen. Selbst R√ľcklagen f√ľr noch zu t√§tigende Investitionen k√∂nnen im Grunde dazu gerechnet werden.