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Pharmaindustrie sucht unter Patienten nach Verbündeten [Pharma]
30 Dez 04

Engere Kontakte zu Selbsthilfegruppen

Die Pharmaindustrie in Deutschland knüpft nach Einschätzung von Beobachtern zunehmend engere Kontakte zu Patienten-Selbsthilfegruppen. Dies habe Vorteile für beide Seiten. Die Unternehmen bekommen zum Einen Anregungen von Patienten für ihre Arbeit. Zum Anderen können die Gruppen Druck auf die Politik erzeugen, zum Beispiel bei umstrittenen Themen wie Festbetragsregelungen oder Erstattungspflicht. Auch nehmen die Patientenverbände direkt Einfluss auf gesundheitspolitische Entscheidungen. Die Patientengruppen wiederum finden in den Unternehmen zumeist finanzstarke Partner.

Es gibt in Deutschland bis zu 70.000 solcher Vereinigungen. Neben Verbraucherverbänden und Patientenberatungsstellen haben sie seit Anfang 2004 ein Mitspracherrecht im Gemeinsamen Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen. Wie weit reichend dessen Beschlüsse für die Industrie sein können, zeigt die Entscheidung des Ausschusses, die Erstattung für den Cholesterinsenker Sortis des US-Konzerns Pfizer zu begrenzen.

Auch kritische Beobachter des Gesundheitswesens halten Kooperationen zwischen Selbsthilfegruppen und Pharmakonzernen grundsätzlich für sinnvoll. "Für Selbsthilfegruppen ist die Zusammenarbeit mit Pharmafirmen aus mehreren Gründen interessant", sagte Arne Schäffler von der Organisation Transparency International. Die Konzerne die Gruppen bei der Finanzierung der oft personal- und kostenintensiven Arbeit, böten praktische Hilfestellung und seien starke Partner bei der politischen Lobbyarbeit. Entscheidend seien Unabhängigkeit und Transparenz. "Jedes Sponsoring sollte schriftlich fixiert und veröffentlicht werden", betonte Schäffler. Zuwendungen sollte es nur in Form von Geld geben.

Das Problem einer möglichen subtilen Einflussnahme haben auch die Krankenkassen und Verbände selbst erkannt. In einer gemeinsamen Erklärung eines Arbeitskreises von Kassen und Vertretern der Selbsthilfe heißt es, man beobachte in den vergangenen Jahren eine "zunehmende Einflussnahme von Wirtschaftsunternehmen auf die Selbsthilfe mit dem Ziel des Auf- und Ausbaus ihrer Marktposition. Diese Einflussnahme gestaltet sich teilweise subtil". Die gesetzlichen Krankenkassen wollen deshalb ab 2006 nur noch Gruppen fördern, die eine Selbstverpflichtungserklärung für den Umgang mit Konzernen unterschreiben.

Auch die Unternehmen sind sich der Unabhängigkeits-Problematik bewusst. Bei Schwarz Pharma heißt es: "Um hier für Klarheit zu sorgen, werden Gruppen nicht direkt finanziell unterstützt." Man biete ihnen vielmehr Fachvorträge an und sei auf Veranstaltungen mit einem Informationsstand vertreten. Zudem initiiere Schwarz Pharma nie einen Kontakt von sich aus, sagt eine Firmensprecherin. Im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern nennt das Unternehmen offen seine Kooperationspartner - sie reichen von der Amputierten-Initiative über die Migräne-Liga bis zur Deutschen Parkinson-Vereinigung.

Weitere Infos finden sich hier.

Anmerkung von migraeneinformation.de:
Wir halten solche Kooperationen für äußerst problematisch. Die Vollversorgung im Gesundheitswesen ist schließlich vor allem deshalb zusammengebrochen, weil man in den letzten Jahren vorwiegend auf die medikamentöse Versorgung bereits erkrankter Personen gesetzt hat. Ursachenforschung und Verifzierung nichtmedikamentöser Heilverfahren spielten dagegen keine Rolle. Aus diesem Grund mussten die Kosten für das Gesundheitswesen zwangsläufig explodieren.

Selbsthilfegruppen haben sich u. a. deshalb gebildet, weil viele chronisch Kranke nicht optimal versorgt werden. Informationen über nichtmedikamentöse Heilverfahren erfährt man üblicherweise nur über Selbsthilfegruppen, nicht aber über die offiziellen kommerziell orientierten Kanäle der Medizin. Wenn Selbsthilfegruppen zu sehr mit Pharmakonzernen kooperieren, müssen sie zwangsläufig in einen Konflikt mit deren Interessen geraten. Dies ist bereits bei einigen Forenbetreibern erkennbar.




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