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Leiden ohne Ende [Allgemein]
27 Apr 05

Schmerzpatienten werden im Stich gelassen

Für chronisch Schmerzkranke ist eine hochspezialisierte und aufwändige Therapie nötig. Doch eine angemessene Behandlung wird immer schwieriger, denn seit Anfang April gilt eine neue Gebührenordnung, die für die Leistungen der Therapeuten immer weniger erstattet.

"Schmerzpatienten in Deutschland sind relativ verlassen", sagt Dr. Gerhard Müller-Schwefe von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. "Nur 20 Prozent finden wirklich einen Ansprechpartner, der qualifiziert ist, sie zu behandeln. Der Rest sucht oder wird weiter behandelt - so wie wenn der Schmerz eine Ursache hätte, die man mit einer einzigen Maßnahme, Pille oder OP, behandeln könnte. Das aber treibt die Patienten weiter in den chronischen Schmerz, verstärkt eher. Es löst kein Problem und es kostet unser Gesundheitssystem eine Unmenge Geld."

Doch ... Erfolge werden wohl noch seltener werden. Der Grund: Es gilt ein neues Vergütungssystem für Schmerztherapeuten und Schmerzambulanzen. Die fürchten um ihre Existenz. Es drohen Umsatzeinbußen von bis zu 40 Prozent.

"Im schlimmsten Fall würde das bedeuten, dass ich meine Tätigkeit als Schmerztherapeut nicht mehr ausüben kann", befürchtet Dr. Wolfgang Wabbel. "Wir wissen, dass es mindestens die Hälfte der Schmerztherapeuten in Schleswig Holstein beträfe."

Und Dr. Hans-Jürgen Eisele vom Klinikum Ingolstadt fügt hinzu: "Wir sehen als Krankenhaus die Gefahr, dass diese Patienten dann vermehrt zu uns in die Klinik geschickt werden, wobei die Kliniken in Deutschland auch budgetiert sind und es hier im Rahmen dieser Verschiebung auch nur zum Aufbau von Defiziten und zu einer nicht ausreichenden Behandlung kommt."

Nach Schmerztherapeuten und Kliniken trifft es jetzt auch noch die Patienten. Sie bangen um ihre Behandlung, wie die 46-jährige Evi Kinsky. Eine Darmoperation ging schief. Jahrelang nahm sie gegen die Schmerzen Cortison. Ihre Knochen wurden so dünn, dass sie schon bei geringer Belastung brechen. Nur die Schmerzmedizin kann ihr Leiden lindern. Die brauchen Patienten wie Evi Kinsky ihr Leben lang.

Doch die neue Regelung besagt, "die Behandlung von chronisch schmerzkranken Patienten (...) soll einen Zeitraum von zwei Jahren nicht überschreiten."

"Man möge mir bitte den zuckerkranken Patienten zeigen, bei dem man nach zwei Jahren überprüfen muss, ob er noch eine diabetologische Behandlung braucht oder ob das jetzt überflüssig geworden ist. Kein Mensch kommt auf die Idee, auch bei Hochdruckkranken nicht", meint Müller-Schwefe. "Das ist eine Diffamierung der Patienten und es zeugt vom Unverständnis für die Krankheit."

Weitere Infos finden sich beim ZDF.

Anmerkung von migraeneinformation.de:
Bei dem von Dr. Gerhard Müller-Schwefe von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie angesprochenen Problem: "Der Rest sucht oder wird weiter behandelt - so wie wenn der Schmerz eine Ursache hätte, die man mit einer einzigen Maßnahme, Pille oder OP, behandeln könnte." handelt es sich um ein grundsätzliches Missverständnis, welchem sowohl weite Teile der Medizin-Industrie als auch der Betroffenen unterliegen. Auch viele Migräne-Betroffene erwarten von ihrem Arzt "absolute Heilung", d. h. Heilung unter allen Lebensbedingungen. Damit wird der Heilungsbegriff für akute Erkrankungen in unzulässiger Weise auf chronische Erkrankungen übertragen, bei denen es sich häufig um Anpassungsstörungen an ungeeignete Lebensbedingungen handelt.

Daneben ist erneut zu bemängeln, dass die Medizin auch bei chronischen Schmerzerkrankungen weiterhin viel zu sehr auf Behandlung und viel zu wenig auf Prävention setzt. Der Grund mag darin liegen, dass mit Behandlung Geld verdient werden kann, mit Prävention dagegen nicht.




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