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Stellungnahme der DMKG zur "chirurgischen Migräne-Therapie" [Allgemein]
02 Aug 04

Es fehlen wissenschaftliche Studien, welche die Wirksamkeit dieser Methode zweifelsfrei belegen

Die DMKG hat eine Stellungnahme zur "chirugischen Migräne-Therapie", welche erst unlängst für Schlagzeilen sorgte, verfasst:

"Die so genannte 'chirurgische Therapie' der Migräne (d.h. Operation eines kleinen Muskels, des sog. Musculus corrugator an der Nasenwurzel) ist kein etabliertes Verfahren zur Behandlung der Migräne. 'Es fehlen wissenschaftliche Studien, welche die Wirksamkeit dieser Methode zweifelsfrei belegen', erklären die Experten der Deutschen Migräne und Kopfschmerzgesellschaft.

Die Annahme, dass die seit drei Jahren propagierte Operation wirksam ist, stützt sich bislang ausschließlich auf Untersuchungen mit einer kleinen Zahl von Patienten. Diese Patienten hatten vorher positiv auf eine Injektion mit Botulinumtoxin angesprochen, d.h. ihre Migräneattacken hatten sich gebessert.

Allerdings hat sich Botulinumtoxin in fast allen seriösen wissenschaftlichen Studien, bei denen die Substanz zur Behandlung der Migräne erprobt wurde, als nicht wirksam erwiesen. Darum ist fraglich, ob die erfolgreich operierten Patienten überhaupt an Migräne (nach den internationalen Kriterien) gelitten haben. Vor allem aber sind keine Langzeitdaten (also über 3 Monate Beobachtung hinaus) bekannt.

Ausgehend davon, was wir inzwischen über Ursachen und Entstehung der Migräne wissen, ist es nicht nachvollziehbar, warum diese chirurgische Methode Migräne 'dauerhaft heilen' sollte. Eine Migräne ist eine genetisch bedingte Erkrankung. Erbfaktoren sind der Grund dafür, dass das Nervensystem der betroffenen Menschen auf innere und äußere Reize besonders empfindlich reagiert. Aufgrund dieser Funktionsstörung können so genannte Triggerfaktoren – beispielsweise Hormonschwankungen, Wechsel im Schlaf-Wach-Rhythmus, Stress, bestimmte Nahrungsmittel – eine Schmerzattacke auslösen.

Es ist zwar prinzipiell vorstellbar, dass auch Einflüsse aus der Gesichtsmuskulatur als Triggerfaktoren Migräneattacken auslösen können. In diesem Falle könnte eine Beseitigung dieser Triggerfaktoren das Auftreten der Attacken beeinflussen. Doch an der grundsätzlichen genetischen Veranlagung der betroffenen Patienten ändert dies nichts. Patienten können zwar beispielsweise durch Veränderungen des Lebensstils Zahl und Intensität der Attacken beeinflussen. Ebenso stehen wirksame Therapien zur Attackenbehandlung und Vorbeugung zur Verfügung. Doch eine 'Heilung' von Migräne ist prinzipiell nicht möglich.

Aufgrund der bislang vorliegenden Informationen über die chirurgische Therapie ist es durchaus möglich, dass die beschriebene Wirkung auf einem so genannten Placeboeffekt beruht. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft warnt daher vor einer voreiligen Anwendung dieser Methode. Es sind weitere wissenschaftlich kontrollierte Studien notwendig, um die Wirksamkeit der Operation zu überprüfen. Die DMKG fordert daher, dass Behandlungen mit dieser Methode nur im Rahmen von wissenschaftlichen Studien, die durch eine Ethikkommission begutachtet worden sind, durchgeführt werden.

Außerdem sind Langzeitbeobachtungen nötig, bevor eine endgültige Empfehlung ausgesprochen werden kann. Nach wie vor gelten die Therapieempfehlungen der DMKG, die auf Grundlage wissenschaftlicher Studien die nachgewiesen wirksamen medikamentösen und nicht-medikamentösen Verfahren beschreiben."

Anmerkung von migraeneinformation.de:
Es ist sicherlich angebracht, einer gewissen Euphorie bzgl. dieser neuen Behandlungsmethode entgegenzuwirken. Allerdings hatten auch die bisherigen Pressemeldungen zur "Migräne-Therapie mit dem Skalpell" immer deutlich gemacht, dass diese Behandlungsmethode nur für einen sehr kleinen Teil (etwa jeden 25.) der Betroffenen aussichtsreich sein wird.

Die jetzige Stellungnahme der DMKG führt aber nicht wirklich weiter, da sie wieder auf die Bedeutung der Genetik bei Migräne und der daraus von den Kopfschmerzexperten abgeleiteten Unheilbarkeit der Migräne hinweist.

Einige Kopfschmerzexperten führen als Analogie gerne die Hautfarbe und den damit zusammenhängenden Schutz oder fehlenden Schutz vor Sonnenbrand an, um ihre Behauptung zur Genetik der Migräne zu verdeutlichen.

Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, wie wenig schlüssig die Argumente der Kopfschmerzexperten zur Genetik der Migräne sind. Denn auch ein Mensch mit weißer Hautfarbe bekommt nur dann einen Sonnenbrand, wenn er sich in die Sonne legt, und dazu besteht nicht zwangsläufig eine Veranlassung. Und auch dunkelhäutige Menschen können einen Sonnenbrand bekommen, wenn sie sich zum Sonnenbaden auf einem Gletscher niederlassen.

Anders ausgedrückt: Die ständige Genetikargumentation lenkt völlig von den bei Migräne allesbestimmenden Umweltbedingungen ab, zu denen in erster Linie die Ernährung zählt. In den westlichen Industrieländern steigt die Prävalenz für Migräne mit jedem Jahr, immer mehr Kinder bekommen immer früher Migräne und das lässt sich in keiner Weise mit einer reinen genetischen Hypothese in Einklang bringen.




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