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Wer ist hier eigentlich krank? [Allgemein]
13 Jan 06

Nicht wir werden kränker, sondern die Statistiken kranken. Und daran stossen sich viele gesund.

Fühlen Sie sich gesund? Falls ja, herzlichen Glückwunsch! Schliesslich leben in der Schweiz allein 400000 bis 800000 Menschen mit einer Blasenschwäche, eine Million mit Knochenschwund und ebenso viele mit Migräne. So weit die Zahlen aus Aufklärungsbroschüren, Medienberichten und Internet-Seiten. Zählt man alle angeblich von Volksleiden Betroffenen zusammen, gelangt man leicht auf mehr Patienten, als die Schweiz Einwohner hat. Wie ist das möglich? Bevor das Land in Depression – noch ein Volksleiden! – versinkt, lohnt es sich, die Statistiken genauer unter die Lupe zu nehmen. Worauf stützen sich die Experten und andere Aufklärer eigentlich?

Nehmen wir das Beispiel chronische Schmerzen. «Schätzungsweise 700000 Personen» leiden in der Schweiz daran, meldete im August 2002 die Interessengemeinschaft Chronischer Schmerz. Der Organisation gehören die Ärztegesellschaft FMH, die Unfallversicherung Suva, der Apothekerverband, sieben weitere Vereinigungen aus dem Gesundheitswesen und drei Firmen an. Die Schmerzgeplagten, so heisst es weiter, «würden häufig nicht ernst genommen», deshalb «wagen sie kaum mehr, mit ihrem Arzt, Apotheker oder mit Pflegenden über ihre Beschwerden zu sprechen». Die Folgen: soziale Isolation und psychische Erkrankung.

Ein schlimme Sache. Aber es kommt noch ärger: Im September 2005 hat sich die Situation scheinbar dramatisch verschärft. Nun vermeldet die gleiche Organisation bereits 1,4 Millionen Betroffene – eine Verdoppelung innert dreier Jahre. «In der Schweiz leidet jede fünfte Person an chronischen Schmerzen», heisst es in der neusten Pressemitteilung. Ein Anruf bei der IG Chronischer Schmerz ergibt Folgendes: Grundlage für die rasante Verdopplung ist die Studie Pain in Europe 2003, für die 2000 Schweizer und Schweizerinnen am Telefon befragt wurden. Finanziert wurde die Studie von dem Schmerzmittelhersteller Mundipharma. Die Auswertung ergab 16 Prozent betroffene Schweizer. Um von diesem Anteil auf die angeblichen 20 Prozent («jeder Fünfte») der IG Chronischer Schmerz zu kommen, muss man ein gutes Stück aufrunden – um vier Prozent oder knapp 300000 Betroffene.

Das Problem: Alle haben ein Interesse an möglichst hohen Krankenzahlen. Die Industrie und die Ärzte verdienen an Diagnostik und Therapie, die Medien am Leserinteresse, und die Behörden wollen natürlich nicht abseits stehen, da sie sonst rasch beschuldigt werden, ein ernsthaftes Problem herunterzuspielen. Ein Kniff, um höhere Zahlen zu erhalten, ist auch die Ausweitung der Diagnose. Die Kriterienliste etwa für Migräne wurde in den letzten Jahren aufgeweicht. Inzwischen existiert auch eine offizielle Kategorie «wahrscheinliche Migräne». Kein Wunder, kursieren wahre Monsterzahlen: «15 bis 25 Prozent der Menschen leiden unter Migräne», meldet «nomig», die Schweizer Informationsplattform für Menschen mit Migräne. Eine Million, heisst es oft in Medienberichten. Keine Frage: Jene, die wirklich von den starken Kopfschmerzen betroffen sind, müssen extreme Pein ertragen.

Aber was ist eigentlich eine Migräne? Und wie oft muss man eine Attacke erleben, um als Migräniker zu gelten? Der Epidemiologe Zwahlen sagt: «Um die Bedeutung einer Krankheit hervorzuheben, wird gerne jede Person einbezogen, die irgendwann einmal eine Krankheitsepisode hatte.» So genügen laut den offiziellen Kriterien der International Headache Society zwei Attacken mit Sehstörungen oder fünf ohne Sehstörungen im Verlauf des Lebens, und man zählt ab sofort als Migräniker – auch wenn man schon seit zwanzig Jahren schmerzfrei ist. Wilm und seine Kollegen arbeiten derweil an einer neuen Studie: Wie häufig sind Depressionen wirklich? Und welche Depressiven müssen behandelt werden? Bis sie ihre Zahlen zusammen haben, gilt selbstverständlich: Die Depression ist die «Epidemie des 21. Jahrhunderts». Was denn sonst?

Weitere Infos finden sich hier.

Anmerkung von migraeneinformation.de:
Abgesehen davon, dass Migräne tatsächlich zunimmt, allerdings nicht so stark, wie es in dem Artikel den Anschein hat (realistische Zahlen sind: Faktor 2 - 3 in den letzten 40 Jahren), wird in dem Artikel eine hübsche Begründung geliefert, warum Migräne unheilbar ist: Man ist Migräniker, wenn man 5 Attacken ohne Aura im Laufe des Lebens hatte. Die wird man natürlich nicht wieder los, auch wenn man sie längst losgeworden ist.




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