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Verführen verboten [Pharma]
26 Feb 06

Getarnte Werbekampagnen ohne Produktenamen unterlaufen das Schweizer Werbeverbot für rezeptpflichtige Medikamente

Das Couvert war persönlich adressiert. An 939 000 Schweizer Frauen. Keine von ihnen hatte die Sendung bestellt, die im Dezember 2004 im Briefkasten landete. Im Couvert fand sich eine Gesundheitsbroschüre über Migräne, an der besonders Frauen leiden. Ein beigefügtes Migräne-Tagebuch leitete zur Selbstuntersuchung an. Verbunden mit der Aufforderung, den Arzt aufzusuchen, versprach ein Hinweis auf die Schmerzmittel-Gruppe der so genannten Triptane Linderung. Ein konkretes Medikament wurde aber nicht genannt. Wenigstens stand auf dem Couvert ein Absender – allerdings ohne Adresse: Pfizer. Nicht alle Adressatinnen dürften gewusst haben, dass das der weltgrösste Pharma-Konzern ist. Die meisten haben die Broschüre wohl ohnehin weggeworfen.

Einige Frauen aber haben sich gewundert. Die Broschüre erinnerte in ihrem Ton der Anteilnahme an eine Aufklärungsschrift der staatlichen Gesundheitsbehörden. War das nun eine neutrale Information? Oder eine Heilmittel-Werbung, wie sie in der Schweiz verboten ist (siehe verlinkten Text oben)? Eine der Frauen, die sich gewundert hat, ist Josiane Walpen, Projektleiterin Gesundheit bei der Stiftung für Konsumentenschutz in Bern. «Werbung für rezeptpflichtige Medikamente wird oft geschickt getarnt und nennt Medikamentennamen nicht», sagt sie. Die Stiftung moniert öfter, Pharmafirmen würden das Werbeverbot unterlaufen, und sie hat die Untätigkeit der Behörden gerügt.

Kann man denn von Werbung sprechen, wenn gar kein Produkt namentlich erwähnt wird? Auch indirekte Werbung sei verboten und funktioniere so, erklärt Walpen: Migräne-Patientinnen bitten ihren Hausarzt um das neue, offenbar sehr wirksame Migränemittel der Firma Pfizer. Laut Walpen wirken sich solche Kampagnen direkt auf die Nachfrage aus – das sei ja auch das Ziel solch millionenteurer Werbeefforts. So würden auch die Gesundheitskosten gesteigert.

Die Stiftung für Konsumentenschutz, aber auch Privatpersonen, Ärztinnen und Ärzte beschwerten sich beim Heilmittel-Institut Swissmedic in Bern über die Migräne-Broschüre. Nun wurden die Behörden aktiv. Swissmedic, die Heilmittel-Kontrollinstanz des Bundes, teilte die Bedenken. Wie diese Zeitung weiss, taxiert das Institut die Broschüre als unerlaubte Heilmittelwerbung und verbot der Firma Pfizer 2004 eine Weiterverbreitung.

Swissmedic verpflichtete Pfizer gar, an alle 939 000 Empfängerinnen der Broschüre eine ergänzende Berichtigung zu verschicken. Pfizer wehrte sich: Ihre Migräne-Broschüre sei eine Information und keine Werbung. Die Firma reichte bei der Eidgenössischen Rekurskommission für Heilmittel gegen das Verbot Beschwerde ein.

In diesen Tagen kommt nun Bewegung in den Fall. Die Rekurskommission hat in einer Besetzung mit fünf Richtern die Pfizer-Beschwerde abgewiesen und so das Verbot und die Verpflichtung zur Berichtigung bestätigt. Pfizer hat seine Beschwerde nun an die oberste Instanz weitergezogen: das Bundesgericht in Lausanne.

Auf den ersten Blick mutet die Rechtssache von Swissmedic gegen den Pharma-Riesen Pfizer wie eine nebensächliche Spiegelfechterei an um eine Werbung, die vielleicht doch keine Werbung ist. Konsumentenschützerin Josiane Walpen widerspricht: «Ob im Internet oder über Plakatkampagnen, die Grenzen des Legalen werden immer mehr ausgereizt, die Verstösse nehmen zu.»

Weitere Infos finden sich hier.

Anmerkung von migraeneinformation.de:
939.000 schweizer Frauen? Whow! Möglicherweise besteht bei den Festpreisen für Triptane ja doch noch etwas Spielraum nach unten...




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