Eine Hypothese.

 


Viel ist in der Medizin darüber nachgedacht worden, was die eigentliche Ursache für die Krankheit Migräne ist. Denn die Krankheit lässt sich nicht mehr ignorieren: In den westlichen Industrieländern leiden mittlerweile mehr als 15% aller erwachsenen Frauen und mehr als 6% aller erwachsenen Männer unter Migräne. Allein in Deutschland soll es zwischen 6 und 8 Millionen Migräniker geben. Eine finnische Studie hat errechnet, dass Migräne im Zeitraum von 1974 bis 1992 unter 7-jährigen Schulkindern um den Faktor 3 zugenommen hat. 

Die Behandlung der Migräne ist deshalb regelrecht zu einem Wirtschaftszweig mit zahlreichen Spezialisten, Schmerzkliniken und eigenständigen Medikamentengruppen geworden. Hinzu kommen enorme volkswirtschaftliche Kosten durch Beratung, Behandlung, Produktionsausfälle, Arbeitslosigkeit und persönlichem Leid.

Migräneexperten wollen zunehmend genetische Gründe als die eigentliche Ursache für Migräne ausgemacht haben: Wer ein bestimmtes Migräne-Gen hat, der erkrankt leichter an dieser Krankheit und diese ist dann unheilbar.

Ich bin einer ganz anderen Auffassung. 

Ich glaube ebenfalls, dass genetische Gründe eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen und ich will nicht bestreiten, dass es eine genetische Disposition geben mag, an Migräne zu erkranken. Nach meiner Auffassung sind aber für das Ausmaß der heutigen Erkrankungen weniger einzelne identifizierbare Migräne-Gene von Bedeutung als vielmehr die fehlende Anpassung vieler Menschen gegenüber der heute üblichen viel zu Kohlenhydrat-reichen Ernährung. Wir ernähren uns seit ca. 5 - 10 Tausend Jahren und mit dem Aufkommen von Getreidekultur und Milchwirtschaft in der Regel nicht mehr so, wie es unserem genetischen Erbe entspricht.

In den letzten 100 Jahren hat sich der Mensch durch ständige Erhöhung des Zuckerkonsums und zunehmender Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion immer weiter von einer artgerechten Ernährung entfernt. Seit ungefähr 30 Jahren hat dann die sog. Fetttheorie, die den Menschen suggeriert hat, nicht die Kohlenhydrate wären für viele Krankheiten verantwortlich sondern die Fette, ein Übriges getan, so dass sich Migräne in den westlichen Industrieländern - jetzt sogar beratungsbedingt - immer weiter und ungehindert ausbreiten konnte und sie jetzt schon - ähnlich wie die Altersdiabetes - in immer stärkerem Maße selbst kleine Kinder erfasst.

Auf dieser Website wurde versucht, eine Reihe von Fakten zusammen zu tragen, die diese Hypothese stützen, von der Anthropologie, der Epidemiologie, über das sonderbare Verhalten der Migräne bei größeren hormonellen Veränderungen (Pubertät, Schwangerschaft, Menopause) bis hin zu Erfahrungen und Erkenntnissen, die bei anderen Erkrankungen (z. B. Epilepsie, Diabetes) gemacht wurden, und ich meine, dass die Faktenlage fast erdrückend ist.

Dies schließt nicht aus, dass im Einzelfall, d. h. bei einem bestimmten Patienten, andere Ursachen dominieren. Aber die geradezu epidemische Ausbreitung der Migräne in den westlichen Industrieländern, ihre sonderbare Abhängigkeit von veränderten hormonellen Rahmenbedingungen, ihre zunehmende Häufung in allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen lassen nicht viel Spielraum für andere Interpretationen zu, wenn es um eine Erklärung für das massenhafte Auftreten dieser Erkrankung geht. Und deshalb sollte nach meiner Auffassung auch eine sinnvolle Migräneprophylaxe genau an diesem Punkt ansetzen.

Es wird deshalb höchste Zeit, Migräne primär nicht als Krankheit, sondern als Anpassungsstörung gegenüber ungeeigneten Verhältnissen zu verstehen. Ein Migräne-Betroffener sollte sich deshalb weniger die Frage stellen, welche Medikamente erforderlich sind, damit er ein halbwegs schmerzfreies Leben führen kann, sondern welche Verhältnisse, Verhaltensweisen und Angewohnheiten es sind, die sein Leiden produzieren.

Frankfurt am Main, 01.05.2004
Peter Mersch