Psychische Faktoren.

 


Inhalts√ľbersicht



Die Migränepersönlichkeit

Krankheit als Weg


Die Migränepersönlichkeit


Lange galt Migräne als eine psychische Erkrankung, die in erster Linie Frauen befällt, deren Psyche der mehrheitlich männlichen Forscherriege ohnehin schon immer eher ein Rätsel war. Des Weiteren wurde eine sog. Migränepersönlichkeit ausgemacht: Kontrolliert, von hohem Verantwortungsbewusstsein, ängstlich, gehemmt aber reizbar, ordentlich, nachgiebig, mit einer narzisstischen Kränkbarkeit und latenter, versteckter Aggressivität.

Die moderne Medizin verneint in der Regel die Existenz einer solchen Migränepersönlichkeit. Migräne gilt nicht mehr als psychosomatische Erkrankung.

Allerdings schreibt beispielsweise die Schmerzklinik am Arkauwald dazu:

"Obwohl Studien die Theorie von der 'Migr√§ne-Pers√∂nlichkeit' widerlegt haben wollen, f√§llt in der t√§glichen Praxis auf, dass bei Patienten mit einer Migr√§ne die pflichtbewusste Pers√∂nlichkeit deutlich √ľberwiegt. Der typische Migr√§ne-Patient kommt z.B. sehr p√ľnktlich zu einer Verabredung bzw. ist meist schon vor der verabredeten Zeit da. Im Beruf achtet ein Migr√§ne-Patient sehr darauf, dass alles geordnet abl√§uft, er mag es nicht, wenn gegen Feierabend noch unerledigte Vorg√§nge herumliegen. Auffallend ist auch, dass Patienten mit einer Migr√§ne sehr wenige, krankheitsbedingte Fehltage aufweisen. Der Haushalt einer Migr√§ne-Patientin ist in aller Regel sehr geordnet und vor allem sauber ('man k√∂nnte fast vom Fu√üboden essen'). Hinter der 'Migr√§ne-Pers√∂nlichkeit' steckt also eine gewisse Zwanghaftigkeit."

Diese Beobachtungen m√∂gen richtig sein. Allerdings k√∂nnte es auch umgekehrt sein, dass solche Menschen sich schneller ersch√∂pfen, √∂fter an ihre Grenzen gehen, sich h√§ufiger in kritischen Situationen mit Zucker, Koffein und st√§rkereichen Lebensmitteln aufputschen, und dass sie dadurch eine Krankheit produzieren, deren Ursachen nicht Pflichtbewusstsein, Genauigkeit und P√ľnktlichkeit sind, sondern unser heutiger Lebensstil, der sich mit solchem Attributen schlecht kombinieren l√§sst. Dies¬†wurde im Rahmen der Unterzuckerungsproblematik n√§her erl√§utert.

Es ist unbestritten, dass eine permanente Stressbelastung wie chronischer Schmerz umgekehrt Auswirkungen auf die Psyche haben kann. Gleichfalls können bestimmte Medikamente zur Akutbehandlung und Prophylaxe Persönlichkeitsveränderungen nach sich ziehen.

Ferner haben viele Migr√§nekranke noch weitere Krankheitssymptome, die ebenfalls psychisch belastend sein k√∂nnen. Ein Migr√§nepatient ist als schwer krank einzustufen, und in diesem Sinne hat seine Erkrankung zwangsl√§ufig auch Auswirkungen auf die Psyche.¬†U. a. wurde eine¬†erh√∂hte Anf√§lligkeit f√ľr Depressionen festgestellt. Ferner besteht ein 3,5 fach erh√∂htes Risiko, gleichzeitig auch noch unter Panikattacken¬†zu leiden. √Ąhnliche Resultate wurden f√ľr eine ganze Reihe psychischer Beschwerden erzielt.

Sollte allerdings ein anderes Grundleiden vorliegen, welches zu einer grunds√§tzlichen Schw√§chung des K√∂rpers f√ľhrt, dann kann dieses gleichfalls starke Auswirkungen auf die psychische Erscheinung des Betroffenen haben. Martin Budd beschreibt in seinem Buch "Hypoglycemia" beispielsweise eine sog. Unterzuckerungspers√∂nlichkeit, die viele Eigenschaften aufweist, die man gemeinhin der Migr√§nepers√∂nlichkeit zuordnet. Im Abschnitt Unterzuckerung und Angst¬†auf unserer Website wird ein m√∂glicher Zusammenhang zwischen Unterzuckerung und Panikattacken beschrieben (zu denen Migr√§nepatienten - wie oben festgestellt - verst√§rkt tendieren). Dort wird erl√§utert, dass die Folge einer chronischen Hypoglyk√§mie (mit mehrfach-t√§glichen Unterzuckerungen) permanenter Stress ist, weil der Hypothalamus nach Feststellen einer drohenden st√§rkeren Unterzuckerung zu deren Abwendung mit einer massiven k√∂rperlichen Aktivierung reagieren muss, so √§hnlich, als habe gerade ein Raubtier eine Verletzung mit Blutverlust verursacht. Mehrfach-t√§gliche massive Aktivierungen des Stresssystems m√ľssen zwangsl√§ufig direkte Auswirkungen auf die Psyche des Betroffenen haben und k√∂nnen langfristig krank machen.

Ebenso können andere Erkrankungen wie Zöliakie oder ein Befall mit Mikroorganismen psychisch verändernd wirken.


Krankheit als Weg


Neben der Argumentation √ľber die angebliche Migr√§nepers√∂nlichkeit gab es aber schon immer andere Begr√ľndungen f√ľr eine psychosomatische Ursache der Migr√§ne.

Thorwald Dethlefsen und R√ľdiger Dahlke interpretieren in verschiedenen B√ľchern die Krankheit als Weg, als etwas, was uns etwas sagen und die Richtung weisen will.

Und auch Oliver Sacks ist in Migr√§ne¬†stellenweise nicht sehr weit von dieser Auffassung entfernt. Beispielsweise schreibt er im Abschnitt 12: Migr√§ne aus biologischer Sicht: "Die Migr√§ne, so glaube ich, hat prim√§r die Rolle, eines Schutzreflexes, ..., eines R√ľckzugs des ganzen K√∂rpers aus dem 'Wirkungsbereich eines sch√§dlichen oder gef√§hrlichen Reizes', kurz, einer besonderen Form der Reaktion auf Gefahr."

Dies entspricht z. B. der Vorstellung, dass wir mit unserem verstandesmäßigen Verhalten die wirkliche Gefahr eines Besuchs bei den Schwiegereltern nicht sehen, weswegen die Migräne uns dies zeigen muss.

Die Schwachstelle dieser ganzen Argumentation liegt darin, dass eine Migr√§neattacke nach heutigen Erkenntnissen ihren Ursprung vermutlich¬†im Hypothalamus oder im Hirnstamm¬†hat, oberen Instanzen des vegetativen (autonomen) Nervensystems und des Hormonsystems. Der Hypothalamus hat die Aufgabe, grundlegende biologische Funktionen zu kontrollieren und zu steuern. Er operiert also vorwiegend auf einer sehr niedrigen biologischen Ebene und nicht auf der Ebene der Gedanken. Dies zeigt auch die Tatsache, dass Migr√§ne ganz wesentlich durch grundlegende hormonelle Ver√§nderungen wie Menstruation, Pubert√§t, Schwangerschaft, Menopause beeinflusst wird. √Ąhnliches gilt f√ľr den Hirnstamm, der wesentliche vegetative Funktionen ausf√ľhrt.

In Computerterminologie ausgedr√ľckt hei√üt dies nichts anderes als:
Hypothalamus und Hirnstamm sind Teil der Hardware, ihre in ihnen ablaufenden Steuerungsprogramme Teil des Betriebssystems, nicht der Anwendungssoftware. Wenn also ein Computer eine Datei nicht mehr abspeichern kann, weil die Festplatte voll ist, dann will er uns damit nur sagen: "Die Festplatte ist voll!" und nicht Dinge wie "Warum hast Du nicht das nächst teurere Modell mit mehr Speicherplatz gekauft?" oder "Beim nächsten Mal bitte Linux statt Windows.".

Dies sind m√∂gliche Schlussfolgerungen aus dem Problem, die muss¬†aber jeder¬†selber (oder¬†auch der konsultierte Psychotherapeut) ziehen. U. a. daf√ľr hat der Mensch die Gro√ühirnrinde. Leider werden diese einfachen Zusammenh√§nge in B√ľchern von Thorwald Dethlefsen und anderen nicht verstanden, weil Ihnen vor lauter Ganzheitlichkeit der¬†Einblick in grundlegende Strukturierungen komplexer Systeme fehlt.

Komplexe Systeme sind aus historischen Gr√ľnden (um nicht stets das Rad neu erfinden zu m√ľssen)¬†und aus Gr√ľnden der Komplexit√§tsreduzierung immer in Ebenen mit geringer Kommunikation zwischen den verschiedenen¬†Ebenen¬†gegliedert, wobei die jeweiligen Ebenen eigene Zust√§ndigkeitsbereiche haben. Das ist in Staaten, Unternehmen, gro√üen Geb√§uden oder Computern nicht anders als beim Menschen. Aus diesem Grund finden sich in den vegetativen Funktionen des Menschen viele Komponenten, die selbst bei Reptilien in √§hnlicher Form anzutreffen sind.

Die Argumentation von Dethlefsen und Sacks hat aber auch noch eine andere Schwachstelle und dabei handelt es sich um einen Punkt, der schon fast chronisch ignoriert wird, wenn es um Migräne geht: Die meisten Migräneattacken entstehen in der Entspannungsphase, nach dem Stress, dem Sport, der Sauna usw..

Eine Migr√§neattacke l√§sst sich nicht als ‚ÄěR√ľckzug des ganzen K√∂rpers aus dem 'Wirkungsbereich eines sch√§dlichen oder gef√§hrlichen Reizes'‚Äú erkl√§ren, wenn die Person mitten in der Nacht bei scheinbar v√∂lliger Reizarmut mit Migr√§ne aufwacht.